Samstag, 29. April 2017

Winzerstories | Weingut Uwe Lützkendorf

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Mein Erlebnis mit Uwe Lützkendorf

Ich wartete an diesem sonnigen Sonntagmittag. Wartete auf das anstehende Gespräch mit einem besonderen Menschen. In meinem imaginären Rucksack trug ich eine Unmenge an diversen Meinungen mit mir. Im Vorfeld las und hörte ich viele widersprüchliche Aussagen zum Weingut Lützkendorf sowie über die Qualität der Weine aus den letzten fünf Jahren. So gingen einige namhafte Weinkritiker mit dem Weingut und den Weinen hart ins Gericht. Gerade für eines der vier VDP-Weingüter aus den neuen Bundesländern können schlechte Kritiken verständlicherweise eine schier unüberwindbare Bürde sein - zumal die beiden Anbaugebiete Saale-Unstrut und Sachsen im bundesweiten Bewusstsein der Konsumenten gelinde gesagt wenig bis gar nicht vorhanden sind.


Immer schön der Reihe nach ...

Wir trafen uns an einem sonnigen Sonntag Anfang April und ich erlebte einen Weinmacher, der optimistisch in die Zukunft schaut. Esprit, Selbstreflexion und Überzeugung klangen aus jedem seiner Worte. Was er mir in unserem Gespräch alles erzählte, ließ mich innehalten und alle Äußerungen seiner Kritiker in die nahe gelegene Saale werfen.

Sein Name ist Uwe Lützkendorf 

Uwe Lützkendorf ist der Lenker und Macher des gleichnamigen VDP-Weinguts Lützkendorf. Für ihn gibt es kaum etwas Wichtigeres, als mit sich im Reinen zu sein. Und mit sich selbst im Reinen ist Uwe nach einem persönlichen Schicksalsschlag wieder. Nun kann er es auch wieder genießen allein zu sein. Am liebsten mag er den Moment, die aufsteigende Sonne zu beobachten. Das Licht der Sonne erzählt ihm eigene Geschichten, und auch die Stille – kurz bevor die Vögel zum Konzert ansetzen – hat für ihn einen besonderen Klang. Dann ist er sich selbst und seiner viel zu früh verstorbenen Frau am nächsten.


"Weißt Du, ich habe es mal nachgelesen, zwischen 2.00 und 3.00 Uhr setzt die Histaminproduktion im Körper ein. Darauf reagiere ich offenbar und werde dadurch manchmal recht früh wach. Wegen meiner allgemeinen Histaminunverträglichkeit kann ich beispielsweise auch keinen schlechten Sekt trinken, das merke ich direkt körperlich."
Manchmal wünscht sich Uwe, er könnte diese besonderen Momente des erwachenden Tages in seinen Weinen festhalten und denen zeigen, die ihn und sein Wesen verstehen lernen sollen. Oder mit anderen Worten ausgedrückt: Beim Genießen seiner Weine, würden all die schlecht redenden Kritiker erhellt und mit dem Licht der Erkenntnis gefüllt, auf das sie Uwes Weine verstehen und deutlicher erkennen können.

Da er sich ständig selbst reflektiert, erkennt er in sich auch ambivalente Charaktereigenschaften. So sieht er in sich einen scheinbaren Widerspruch in Sachen Ungeduld und Ausgeglichenheit. Zudem betrachtet er sich als kommunikativen und harmoniebedürftigen Menschen. Das bedeutet jedoch nicht, dass er Everybody‘s Darling ist und sein will. Er weiß, wofür er steht und welchen weiteren Weg er bestreiten will und sicher auch wird. Mit dieser Einstellung hat er sich mit den Kritiken abgefunden und schaut optimistisch nach vorne.

Der private Uwe Lützkendorf

"In meiner Freizeit höre ich gern Musik von Van Morrison - dazu könnte ich Dir eine Menge erzählen – auf meinem Nachttisch liegt derzeit eine tolle Geschichte von Jonas Jonasson, ansonsten liebe ich die Bücher von Stanislaw Lem (polnischer Philosoph, Essayist und Science-Fiction-Autor), moderne Klassiker wie Stefan Zweig, Gedichtbände und verschlinge nahezu alles, was ich über Archäologie, Ahnenforschung oder Geschichte in die Finger bekomme. Der Held meiner Kindheit war Che Guevara, den ich für seine Gerechtigkeitsliebe bewundert habe."
Kleine Anmerkung von mir: ich habe Uwe in unserem Gespräch als bewanderten Historiker und Geologen vor dem Herrn erleben dürfen. Dank seiner Ausführungen sehe ich ihn und seine Umgebung mit ganz neuen Augen.
"Kulinarisch nehme ich mir das Recht heraus, in bestimmten Lokalen der Region nur das zu bestellen, was mir schmeckt und nicht zwingend auf der Karte stehen muss. Ansonsten liebe ich Fisch und bin generell neugierig oder experimentierfreudig, was es alles zu entdecken gibt."

Uwe Lützkendorf - der Weinmacher

1990 schloss Uwe sein Studium der Gärungs- und Getränketechnologie ab – als Kind wäre er übrigens gern Tierarzt geworden - und ging zwei Jahre auf Wanderschaft durch diverse Weinbetriebe. In einigen hätte er direkt dauerhaft anheuern können. Aber es kam anders, da sein Vater Udo, der bis heute seine wichtigste Bezugsperson ist, im Jahr 1991 die von seinem Großvater 1959 zwangsweise abgegebenen Rebflächen (Zwangskollektivierung war das Wortungetüm der damaligen DDR) zurückerhielt. Mit dieser neuen Perspektive vor Augen meldete Uwe 1992 Uwe den Betrieb neu an.

Wie sein Vater ist er in der Region Saale-Unstrut tief verwurzelt und kann sich kaum vorstellen, seine Heimat in einer anderen Region zu finden.
"Manchmal träume ich davon, ich könnte mit dem Wissen von heute an gleicher Stelle nochmal neu starten. Außerdem würde ich gerne meine Weißweine in Holzfässern herstellen, am liebsten im Stück (Holzfass mit 1.200 Liter Fassungsvermögen) oder im Doppelstück (Holzfass mit 2.400 Liter Fassungsvermögen)."

Inspiration für seine Arbeit sucht und findet er im deutschen Weinbau sowie in der Art, wie die großen weißen Weine im Burgund und im Raum Bordeaux entstehen. Mich würde es jedenfalls nicht wundern, wenn er uns eines Tages mit Weißweinen überrascht, die ebenso gut in diesen französischen Regionen entstanden sein könnten. Obwohl, ganz so überraschend wäre es vielleicht doch nicht, da hier an Saale und Unstrut ähnliche klimatische Bedingungen wie im Burgund anzutreffen sind.

Wofür stehen Uwe Lützkendorfs Weine heute?

Uwes Ziel ist, charaktervolle Weine (der durchschnittliche Ertrag lag in den in den letzten Jahren bei 45 Hektoliter pro Hektar) anzubieten, abseits von jeglichem Mainstream. Zudem soll kein Wein wie im Jahr zuvor sein. Jeder Jahrgang soll verdeutlichen, dass er und seine Weine sich permanent weiter entwickeln. So verwundert es nicht, dass er das Ziel verfolgt, seine Weine als Abbild der absoluten Harmonie zu produzieren.
"Das bedeutet für mich, alle geschmacks- und geruchsrelevanten Faktoren in perfekte Balance zu bringen. Aber ich weiß zugleich, dass ich diese ideelle Idee vielleicht niemals erreichen werde."
Seine ca. 10 Hektar – biologisch bewirtschafteten - Rebflächen sind derzeit mit verschiedenen Rebsorten bestockt, überwiegend mit Riesling, Weißburgunder und Sylvaner. Die beiden letztgenannten sind seine persönlichen Favoriten und er liebt es, das Wachstum seiner Reben in der freien Natur zu begleiten, zugleich liebt er es, im Keller den Weg von der Beere zum Wein behutsam zu begleiten. Neben den drei zuvor genannten Rebsorten baut Uwe auch Spätburgunder, Blauen Zweigelt, Gutedel und Roter Traminer an. Der Rote Traminer (auch als Gewürztraminer) bekannt, begeistert seine Kunden schon seit Jahren, da hier der eigene Stil Uwes deutlich zum Ausdruck kommt.

Uwe Lützkendorfs besondere Anbauflächen

Uwe kann mit Stolz auf besondere und außergewöhnliche Anbauflächen verweisen, von denen zwei Flächen vom VDP als „Große Lage“ klassifiziert wurden. In unserem Gespräch kam es mir teilweise so vor, als würde ich einem Geologen und weniger einem Winzer zuhören. Es würde den Rahmen dieser Geschichte sprengen, wenn ich hier wiedergeben würde, was er mir alles über die besonderen Bedingungen vor Ort zu erzählen wusste. Außerdem kann ich so prima den Hinweis einbauen, dass auf Uwes Internetseite viele Informationen über ihn, seine Weine und Anbauflächen zu finden sind. Zwei besondere Flächen möchte ich dennoch kurz skizzieren.

Kalksteinbruch

Der Kalksteinbruch ist eine rekultivierte Tagebaufläche, aus der bis in die frühen 90er-Jahre Kalkstein für die Zementproduktion gewonnen wurde. Durch die Neuschichtung nach geologischen Gesichtspunkten mit Kalkstein, Gipskeuper, roten und grünen Tonen entstanden hier 4,5 Hektar einzigartiger Anbaufläche. Uwes Flächen liegen am Rande eines 400 Hektar großen Kessels mit bis zu 40 Meter hohen Steinwänden, die am Ufer der Unstrut für einen optimalen Kälteabfluss sorgen.

Karsdorfer Hohe Gräte

"Über meine Anbaufläche Karsdorfer Hohe Gräte kann ich Dir tagelang Wissenswertes erzählen. Da wir beide nicht unendlich Zeit haben, skizziere ich Dir mal die wichtigsten Fakten. Nur dort gibt es Eisen- und Kupferquarzite - so genannte Doppelquarzite - mit einem sehr hohen Anteil von über 50% Kieselsäuregehalt. Solche Bodenverhältnisse gibt es nur wenige in Deutschland, am ehesten sind sie in den Grand-Cru-Lagen im Burgund zu finden. Nun verstehst Du auch besser, warum ich die Entwicklung der Weine aus dieser Region so spannend finde."

Uwe Lützkendorfs Gedanken zum Wein im Allgemeinen und im Besonderen

"Ich kann mich glücklich schätzen, dass ich ca. 40-50% meine Weine direkt an private Kundschaft, 30-40% über die Gastronomie und 20% über den Fachhandel verkaufen kann. Ein Vertrieb über den Lebensmitteleinzelhandel kommt für mich nicht in Frage, dafür produziere ich nicht ausreichend Menge. Seit einiger Zeit verfolge ich alles was sich mit der Entwicklung von Cool Climate Weinen beschäftigt. Ich glaube, dass sich dies als Zukunftsstrategie für unsere Region und als USP entwickeln kann.
Hingegen habe ich für den Trend zu Spontis, Natural Wines bzw. Orange Wines nur Kopfschütteln übrig. Überspitzt gesagt, versuchen damit Menschen zu kaschieren, dass sie von professioneller Weinherstellung keine Ahnung haben.
Besonders überrascht haben mich zuletzt die Rieslinge vom Weingut Bibo & Runge, die ihren eigenen Weg gehen und echt Eier haben, solche Weine herzustellen."

Nach gut drei Stunden musste Uwe zu einer anderen Verpflichtung aufbrechen. Ansonsten würde ich wahrscheinlich noch immer mit großen Ohren seinen Worten lauschen. Lieber Uwe, vielen Dank, dass ich Dich von dieser privaten Seite kennenlernen durfte. Wir sehen uns sicher bald wieder.


Kontakt

Weingut Uwe Lützkendorf
Saalberge 31
D-06628 Naumburg, OT Bad Kösen
info@weingut-luetzkendorf.de
+49 34463 61000


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